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Zu Besuch bei der Holyrood Distillery

Der aktuelle Whiskyboom führt zu einer Vielzahl an neuen Brennereigründungen. Nicht alle Projekte werden dabei auch tatsächlich umgesetzt, aber mit der Holyrood Distillery hat Schottlands Hauptstadt Edinburgh seit Juli 2019 wieder eine eigene Brennerei. Im Dezember konnte ich die Brennerei besuchen und heute teile ich gerne meine Eindrücke mit Euch. Einen Whisky kann ich dabei allerdings nicht vorstellen, denn einen Single Malt Whisky kann es natürlich noch nicht geben. 

100 Jahre Wartezeit

Die Idee zur Holyrood Distillery kam Rob Carpenter im Jahre 2013. Er dachte sich, dass es an der Zeit sei, dass es in Edinburgh endlich wieder eine Destille gäbe. Immerhin schloss die letzte Brennerei, Glen Sciennes, bereits im Jahr 1925. Der Kanadier, der übrigens zusammen mit seiner Frau das kanadische Chapter der Scotch Malt Whisky Society leitet, fand in David Robertson einen Komplizen, der über 25 Jahre Erfahrung im schottischen Whiskybusiness verfügt. Selbstverständlich braucht die Gründung, Planung, der Ausbau und alles Weitere rund um eine neue Brennerei viel Zeit, sodass die Holyrood Distillery erst sechs Jahre später, am 30.7.2019, ihre Pforten für Gäste öffnete.  Nicht ganz ein halbes Jahr später konnte ich meinen Fuss auf das Gelände setzen.

Charme oder Fabrik?

Die Brennerei liegt zwar nicht direkt mitten in der Stadt, aber ist dennoch sehr zentral gelegen. Wer halbwegs gut zu Fuß ist, kann sie wunderbar von der Innenstadt erlaufen. Für alle, die es etwas bequemer oder schneller haben wollen ist aber auch eine Busverbindung gegeben. Wir haben ab der Royal Mile ungefähr 15 Minuten zu Fuß gebraucht.

Holyrood Distillery ist in einen alten Lokschuppen gebaut und hat somit einen altehrwürdigen Charme, obwohl die Brennerei selbst keine Tradition vorweisen kann. Dennoch habe ich mich direkt wie in einer der alten Brennereien gefühlt: Schwere Steinmauern, alte Decken, doch auch moderne Elemente kommen einem hier entgegen. Über einen kleinen Hinterhof gelangt man direkt in den Shop, wo wir freundlich begrüßt wurden und uns während der Wartezeit noch umschauen konnten.

Aktuell gibt es noch keinen Whisky von Holyrood, denn dieser muss drei Jahre reifen und ist somit rechnerisch erst ab 2022 "volljährig". Dennoch gibt es im Shop allerhand anzuschauen: Neben Gin und Likören gibt es natürlich auch Merchandise wie Shirts, Pins und einige Einrichtungsgegenstände, welche aus alten Fässern gefertigt sind. Allerdings gibt es auch eigene Blends: Sweet, Fruity, Smoky und Spicy sollen jeweils die Möglichkeiten aufzeigen, die die späteren Whiskys auszeichnen sollen. Auf der Tour konnte ich alle vier probierne, doch dazu später mehr.


Als Tour bietet Holyrood momentan verschieden Möglichkeiten an: Neben einer Brennerei Tour (GBP 14, 60 Min.) gibt es auch eine Gin Tour (GBP 22, 60 Min.) und eine Whisky Tour (GBP 22, 60 Min.), sowie eine Tour auf Mandarin. Man ist also auf alle Eventualitäten und Gäste gut eingestellt. Für uns ging es selbstverständlich zur Whisky Tour, die allerdings auch kurz durch die Gin Destille geführt hat.

Unser Guide für den Abend war Douglas, ein Veteran im Geschäft mit über 20 Jahren Erfahrung in der Whiskyherstellung und als Tourguide. Nach einer kurzen Begrüßung im Erdgeschoss ging es in den ersten Stock und durch die kleine Gin Destille mit Tastingraum direkt zu den Brennblasen der Brennerei.

Abheben von der Masse

Douglas begann die Tour direkt mit Engagement und viel Witz und erzählte zunächst vom Stadtteil, in dem die Brennerei steht. Früher waren hier vor allem Brennereien ansässig, doch als die einzige Wasserquelle versiegt (man könnte auch sagen leer gezapft war) starben mit ihr auch die Brauer und Brenner. In Edinburgh gab es somit seit 100 Jahren keine Brennerei mehr. Doch diese Lücke wolle man nun mit der Holyrood Brennerei wieder füllen. Im Folgenden wurde für mich der Versuch einer Rechtfertigung, oder vielleicht auch Abgrenzung zu anderen deutlich. Ein wichtiger Punkt an Single Malt Whisky, so Douglas, sei die Tradition, das Handwerk, welche im fertigen Produkt zu finden seien. Allerdings, so ehrlich war er dann auch, sei es bei der Holyrood Distillery mit der Tradition halt etwas schwierig. Man versuche daher eher das Handwerk in den Mittelpunkt zu stellen und Dinge anders anzugehen. Die erste Station der Tour, welche den Blick von oben auf die beiden Pot Stills offenbarte zeigte auch einen Vorteil von neuen Brennereien, der mir bereits bei Macallan aufgefallen war: Die Brennerei war mit dem Gast im Hinterkopf geplant worden. Während man sich in alten Brennereien durch eine Anlage kämpfen muss, die eben zum arbeiten und nicht zum besuchen ausgelegt war, war hier deutlich mehr Platz und Einsicht möglich. Werten möchte ich das nicht, aber das Layout der Brennerei war hier sehr deutlich bemüht eine Kombination von Produktion und Besucher zu ermöglichen. Für uns ging es von den Brennblasen aus weiter das längliche Gebäude entlang und dann einen Stock nach unten (sodass wir wieder im Erdgeschoss waren. Nun waren wir am Ende des Gebäudes und am Anfang der Produktion: Die Mash Tuns standen vor uns. 

Selbstverständlich wurde uns ab hier der gesamte Produktionsprozess dargestellt: Das Mälzen von Gerste, die Verarbeitung in einer Mühle, die Unterschiede durch Peat - Douglas zeigte hier, dass er sich wirklich auskennt ohne dabei Einsteiger zu überfordern. Wir konnten an gemälzter und ungemälzter Gerste riechen und auf Wunsch auch probieren ("But remember, it has seen a lot of hands.") und auch ein Stück Torf machte die Runde. Holyrood versucht dabei bereits bei der Gerste neue Wege zu beschreiten, so wird nicht nur die normale gemälzte Gerste verwendet, sondern auch verschiedene Röstungen und Sorten verwendet. Ein Alleinstellungsmerkmal, wie auf der Tour gesagt, ist dies zwar nur bedingt - man denke nur an Eden Mill oder den Glenmorangie Signet - aber dennoch wird es spannend werden, was dort in den kommenden Jahren passiert. Besonders gut gefallen hat mir, dass wir die vier angesprochenen Blends schon während der Tour verkosten konnten. Bei den Mash Tuns gab es mit dem Sweet den ersten Whisky ins Glas. Wie sich herausstellte war dies allerdings kein Blend, sondern ein Single Grain Whisky, der eine deutliche Süße mit typischen Getreidenoten verbunden hat. Ein gefälliger Whisky, der allerdings auch etwas jung daher kam. 

Ein paar Meter weiter hielten wir an einer Wanddarstellung, die in der Mitte das Wort "Yeast" stehen hatte. Hier nutzte Douglas die Chance uns Hefe näher zu bringen. Denn auch an diesem Produktionsschritt geht Holyrood eigene Wege: Zwar wird auch Distillers Yeast verwendet, aber auch Rotwein- oder Bierhefen finden in der Produktion Anwendung. Sogar IPA Hefen sollen verwendet werden und für fruchtige Aromen sorgen. Für uns gab es hier den Fruity ins Glas, der die Gruppe mehr überzeugen konnte, mir aber etwas zu scharf daher kam.

Die dritte Tastingstation lag direkt an den Brennblasen, die, nach den Brennblasen von Glenmorangie, die zweithöchsten in Schottland sind. Der eigentliche Plan sah sogar höhere Brennblasen vor, allerdings war dies durch den Denkmalschutz nicht möglich - Veränderungen am Gebäude waren eigentlich kaum umsetzbar. Douglas gab uns ein Glas des Spicy, der wirklich ein wenig mehr Würze als die vorherigen Whiskys zu bieten hatte, und erklärte die Destillation von Whisky. Hier zeigt Holyrood keine Besonderheiten auf, außer, dass zweifach und nicht, wie vermeintlich in den Lowlands üblich, dreifach destilliert wird. 

Kein Lagerhaus?

Die abschließende vierte Tastingstation erinnerte mich erneut an Macallan, denn auch Holyrood lässt einen in der Tour nicht in ein Lagerhaus. Stattdessen wurde der Smoky in einer Art Lagerhausattrappe serviert. Die Wände wurden von einigen Fässern geschmückt, welche allerdings nur verdeutlichen sollten, wie die Lagerung funktioniert. Ein richtiges Lagerhaus, inklusive des unverwechselbaren Angel's-Share-Geruchs blieb uns leider verwehrt, denn die Brennerei lagert aus Platzgründen nicht auf dem Gelände. Für mich ist dies ein wirkliches Manko, denn die Lagerung macht einen Großteil des Geschmacks und, zumindest für mich, auch des Gefühls von Whisky aus. Lagerhäuser sind einmalig in ihrem Geruch, ihrer Ruhe und Ausstrahlung. Ihr seht, das hat mich ein wenig getroffen.  Bei Smoky handelt es sich um einen rauchigen Blend, der auch genau das liefert, was das Etikett sagt. Allerdings ist auch hier ein Hinweis auf eine leicht metallisch-junge Note nötig. Nach dem letzten Dram und der Erklärung von Angel's Share und Fasslagerung wurden wir von Douglas in den Shop entlassen, wo er sich allerdings noch viel Zeit für Nachfragen nahm. Ich nutzte diese Gelegenheit um zu fragen, ob es keinen New Make zu kaufen gäbe, was leider verneint wurde. Allerdings führte er uns kurz zurück in den ersten Stock und ... leider kann ich nicht spezifischer werden, denn dieser Teil war "strictly not for social media!" Ich sage nur so viel: Ich bin auf die Zukunft der Brennerei gespannt und positiv gestimmt.

Fazit

Mein Fazit zur Whisky Tour bei der Holyrood Distillery fällt positiv gemischt aus: Douglas war ein wundervoller, engagierter Guide, der zwar Genauigkeit von Aussagen der Einsteigerfreundlichkeit opferte, aber auf Nachfrage stehst spezifisch und genau antwortete. Die Brennerei an sich ist schön, gut erreichbar gelegen und der Gegenwert zum Tour-Preis passt auf jeden Fall. Jeder, der nur in Edinburgh ist und eine Brennerei besichtigen will ist hier sicherlich gut aufgehoben. Einen kleinen Abzug gibt es in der B-Note: Die verkosteten Blends sind für mich tatsächlich eher Platzhalter als ernst zunehmende Whiskys. Alle vier Whiskys (3 Blends, ein Single Grain) sind geschmacklich in Ordnung, aber nichts besonderes und kämpfen dabei mit einer recht stürmischen Jugend. Ich bin mir sicher, dass die ersten Malts bestimmt einen eigenständigeren Charakter aufweisen werden und darauf freue ich mich sehr.

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